Wintersonnenwende – 21. Dezember 2025
I. Der Moment der Sonnenwende
Heute Nacht befindet sich die Sonne an ihrem tiefsten Punkt. Dies ist die längste Nacht, der Höhepunkt der Dunkelheit. Draußen hält die Welt den Atem an.
Unsere Vorfahren – in jeder Kultur, in allen Himmelsrichtungen – wussten, dass dieser Moment nicht den Sieg der Dunkelheit bedeutet. Sondern die Schwelle zur Wende. Der Tiefpunkt der Dunkelheit ist zugleich der Moment der Rückkehr des Lichts. Ab morgen beginnen die Tage wieder länger zu werden, so langsam, dass wir es zunächst gar nicht bemerken.
Das ist das Paradoxon der Sonnenwende: Die Veränderung hat bereits stattgefunden, bevor irgendetwas sichtbar wird. Die Rückkehr des Lichts beginnt am dunkelsten Punkt – unsichtbar, still.
Heute Abend feiern wir nicht nur die Sonne. Sondern das Licht, das nie verschwunden ist – die ursprüngliche Klarheit des Bewusstseins. Und wir feiern denjenigen, der die Fülle dieses Lichts in sich trägt: Maitreya, den Buddha der liebenden Güte.
II. Das Vermächtnis von Lama Govinda
Bevor ich über Maitreya spreche, möchte ich ein paar Worte über den Mann sagen, dessen Werk uns heute Abend zusammengeführt hat.
Ernst Lothar Hoffmann wurde 1898 in Deutschland geboren. Er begann als Maler – er suchte die Wahrheit durch die Schönheit. Er begann seinen buddhistischen Weg auf dem strengen Pfad des Theravada in Sri Lanka, doch schließlich wurde das tibetische Vajrayana zu seiner Heimat. Tomo Gese Rinpoche wurde sein Meister und weihte ihn zum Lama.
1933 gründete er das Arya Maitreya Mandala – den ersten westlichen buddhistischen Orden. Der Name ist kein Zufall: Er stellte Maitreya, den zukünftigen Buddha und Verkörperung der liebenden Güte, in den Mittelpunkt des Ordens.
Govinda wollte den Dharma nicht in ein Museum verbannen. Er vertrat die Ansicht, dass der Buddhismus ein lebendiger, sich entwickelnder Weg sei, den jede Epoche und jede Kultur neu interpretieren müsse. Für ihn waren Symbole keine Kulissen – sondern Tore zur tieferen Realität des Bewusstseins.
Viele von uns haben sein Hauptwerk Der Weg der weißen Wolken gelesen, das seine Pilgerreise zu den heiligen Stätten Tibets festhält. Dieses Buch hat viele Menschen dazu inspiriert, den Weg der Meditation zu beschreiten – vielleicht auch einige von uns. Doch es ist mehr als ein Reisebericht – es ist ein Dokument der Einheit zwischen äußerer Pilgerreise und innerer Transformation. Wie Govinda es formuliert: Das Besteigen des Berges und das Erheben des Bewusstseins sind ein und dieselbe Bewegung.
In diesem Sinne feiern wir heute Abend – nicht als Hüter einer fernen Tradition, sondern als Teilhaber am lebendigen Dharma.
III. Maitreya – der Name und das Prinzip
Was bedeutet der Name Maitreya?
Er leitet sich vom Sanskritwort maitrí ab, das mit liebevoller Güte, Wohlwollen und Freundlichkeit übersetzt wird. Das entsprechende Wort im Pali ist mettá – daher kennen wir die Mettá-Meditation, die Übung der liebevollen Güte.
Doch maitrí ist mehr, als diese Wörter auf den ersten Blick vermuten lassen. Es ist keine besitzergreifende, keine anhaftende Liebe. Maitrí ist jene Art von Liebe, die nicht besitzen will, sondern befreien will. Sie entspringt nicht aus Knappheit, sondern aus Überfluss.
Der Überlieferung zufolge ist Maitreya der nächste Buddha, der kommen wird, wenn Shakyamunis Lehre in der Welt verblasst. Derzeit wartet er im Tushita-Himmel – und auch dieser Name ist vielsagend: Tushita bedeutet Zufriedenheit, Genügsamkeit. Der Zustand von Maitri entspringt der Zufriedenheit. Nur wer nicht in Enge lebt, kann wirklich geben.
Doch im Geiste Govindas lohnt es sich, tiefer zu blicken. Die Buddhas sind nicht bloß historische Persönlichkeiten – sie sind Verkörperungen von Bewusstseinszuständen. Shakyamuni ist der Archetyp des Erwachens. Amitabha ist das grenzenlose Licht. Maitreya ist die Fülle grenzenloser liebevoller Güte.
So verstanden ist Maitreya nicht nur eine in der Zukunft erwartete Person. Er ist das Prinzip der liebevollen Güte, auf das sich das Bewusstsein ausrichtet. Nach der Vajrayana-Lehre ist jede Buddha-Eigenschaft auch in uns als Keim vorhanden. Die Verehrung Maitreyas ist daher kein passives Warten – sondern die Entfaltung von Maitri in unserem eigenen Bewusstsein.
Die Frage ist nicht, wann Maitreya kommen wird. Sondern, inwieweit wir unser Herz für ihn öffnen können.
IV. Licht und Bewusstsein
Der Buddhismus ist voller Lichtbilder. Wir sprechen von Erleuchtung, von der Dunkelheit der Unwissenheit, vom reinen Licht. Das ist keine poetische Übertreibung – es ist der Erfahrungsbericht von Praktizierenden über Generationen hinweg.
Eine der zentralen Lehren des Vajrayana ist das prabhászwara – auf Tibetisch ösel –, das reine Licht des Bewusstseins. Diese Lehre besagt, dass die grundlegende Natur des Bewusstseins rein, strahlend und klar ist. Dieses Licht wird niemals wirklich getrübt – die Verunreinigungen sind oberflächlich, vergänglich, wie Wolken am Himmel.
Doch dies ist keine Erfindung des Vajrayana. In den frühesten Pali-Texten, im Anguttara Nikaya, findet sich diese Lehre bereits. Der Buddha sagt: Pabhassaram idam, bhikkhave, cittam – Mönche, dieses Bewusstsein ist strahlend. Pabhassara bedeutet: strahlend, leuchtend, rein. Citta bedeutet: Bewusstsein, Geist. Das Bewusstsein ist von Natur aus strahlend.
Die Sutra fährt fort: Tañca kho āgantukehi upakkilesehi upakkilittham – Doch die neu hinzukommenden Verunreinigungen verunreinigen es. Beachten wir das Wort: āgantuka, Neuankömmling, Gast, Fremder. Die Verunreinigungen sind keine Begleiterscheinungen des Bewusstseins, daher sind sie nur vorübergehend vorhanden – und können beseitigt werden.
Dies ist keine Lehre von einer Art ewiger Seele oder einem beständigen Selbst. Das sagt der Buddha nicht. Sondern dass das Bewusstsein von Natur aus rein ist und die Verunreinigungen – die Kilesas – nicht untrennbar zu ihm gehören. Genau deshalb ist Erleuchtung möglich. Wäre die Dunkelheit wesentlich, könnte sie niemals beseitigt werden. Aber da sie nur verdeckt, da sie nur ein Gast ist – kann das Licht wieder erstrahlen.
Wolken können die Sonne verdecken. Aber die Sonne hört nie auf zu existieren. Nicht die Kraft der Wolken hält das Sonnenlicht fern – sie stehen einfach nur im Weg. Und wenn der Wind sie wegbläst, strahlt die Sonne dort, wo sie schon immer war.
Die Dunkelheit ist kein eigenständiges Wesen. Sie ist das Fehlen des Lichts. Auch die Unwissenheit – auf Sanskrit avidjá – ist nichts Festes, Massives. Sie ist das Fehlen der Erkenntnis. Genau deshalb ist das Erwachen möglich: Es gilt nicht, etwas zu erschaffen, sondern etwas zu erkennen. Wir bauen nicht aus dem Nichts auf – wir entfernen das, was verdeckt.
Avalokitesvara, der große Bodhisattva des Mitgefühls, formuliert es im Pradnyápáramitá Hrdaya-Sutra so: Der Bodhisattva lüftet die Schleier des Bewusstseins nicht durch Verwirklichung. Er fügt nichts hinzu und nimmt nichts weg. Er baut nicht auf – er enthüllt.
Die Wintersonnenwende macht diese Lehre spürbar. In der dunkelsten Nacht hat die Wende bereits stattgefunden. Das Licht kommt nicht von außen – es kehrt zurück, denn es ist nie gegangen, sondern war nur verdeckt. So funktioniert auch unser Bewusstsein. Die Buddha-Natur ist kein zu erreichendes Ziel, sondern eine zu enthüllende Grundlage.
Govinda sah auch das Verhältnis zwischen Samsara und Nirvana in diesem Licht. Samsara – der Kreislauf des Leidens – ist kein Ort, von dem man fliehen muss. Nirvana ist keine andere Welt, in der man ankommen muss. Samsara ist der verdeckte Zustand des reinen Lichts des Bewusstseins, Nirvana ist die Offenbarung desselben Lichts. Es sind nicht zwei verschiedene Realitäten – es ist dieselbe Realität, nur mit anderen Augen betrachtet. Die Dunkelheit ist nicht das Gegenteil des Lichts, sondern das Nicht-Erkennen des Lichts.
Deshalb sagte Govinda, dass der spirituelle Weg keine Flucht, sondern eine Entfaltung ist. Wir verlassen die Welt nicht – wir sehen sie tiefer.
Mit Govindas Worten: Das Symbol ist kein Zeichen – sondern die unmittelbare Manifestation der Wirklichkeit für das Bewusstsein. Wenn wir heute Abend die Rückkehr des Lichts feiern, spielen wir keine Allegorie. Wir erleben die Wirklichkeit des Bewusstseins.
Das Licht Maitreyas und das Licht der Sonnenwende sprechen von demselben: von dem, was schon immer da war und was nun wieder sichtbar werden kann.
V. Unsere Gemeinschaft und unsere Aufgabe
Was bedeutet der Name unserer Gemeinschaft – Arya Maitreya Mandala?
Arya: edel. Doch nicht edel durch Geburt – sondern durch die Erhabenheit des Bewusstseins. Maitreya: das Prinzip der liebenden Güte. Mandala: der Kreis, die Gemeinschaft, die zugleich das Spiegelbild der inneren Ordnung ist. Zusammen: der edle Kreis der liebenden Güte. Wir sind dieser Kreis – diejenigen, die im Geiste Maitreyas den Weg gehen.
Im Zentrum unserer Tradition steht die Bodhisattva-Idee. Nicht die individuelle Erleuchtung ist das Ziel, sondern das Gelübde zum Wohle aller Wesen. Maitreya selbst ist ein Bodhisattva – während er im Tushita-Himmel wartet, bereitet er sich vor, reift und sammelt Kraft.
Die Tradition besagt, dass Maitreya kommen wird, wenn der Dharma vollständig verblasst ist. Doch das bedeutet kein passives Warten. Es ist gerade unsere Aufgabe, den Dharma am Leben zu erhalten. Jede bewusste Handlung, jeder Augenblick, in dem die Maithri mich durchströmt, dich durchströmt, jeden von uns durchströmt – bereitet Maitreyas Ankunft vor. Wir warten nicht auf die Zukunft. Wir gestalten die Zukunft.
Schlafen und Erwachen
Ich möchte euch eine Erfahrung schildern, die wir alle jeden Tag machen – und der wir dennoch selten Beachtung schenken.
Ich schlafe ein. Das Bewusstsein kommt zur Ruhe, die Welt verschwindet. Im Tiefschlaf gibt es oft nichts: keine Träume, kein Ich, keine Zeit. Das Bewusstsein kommt nicht zu sich.
Dann – geschieht etwas. Ich erwache. Die Klarheit kehrt zurück. Zunächst vielleicht noch verschwommen, dann immer deutlicher: Hier bin ich, dies ist das Zimmer, dies ist der Tag, dies ist das Leben.
Das ist meine tägliche Auferstehung. Und auch eure.
Nicht ich erschaffe das Bewusstsein beim Erwachen. Ich will mich nicht bewusst machen. Es geschieht einfach. Das Licht kehrt zurück, weil es nie verschwunden war – ich war nur nicht dafür da.
Die Sonnenwende ist dasselbe auf kosmischer Ebene. Schlafen und Erwachen sind dasselbe auf der Ebene des individuellen Bewusstseins. Und das Kommen Maitreyas ist dasselbe auf der Ebene des kollektiven Bewusstseins – die Rückkehr des Lichts des Dharma, nachdem die Welt tief geschlafen hat.
Die Frage, die ich mir an diesem Abend stelle: Wie lange bin ich wach, solange ich wach bin? Wie oft schlafe ich auch tagsüber – mit offenen Augen, aber ohne die klare Klarheit des erwachten Bewusstseins? Wenn ich ehrlich bin: ziemlich oft. Besonders nach dem Mittagessen.
Die Metta-Meditation liegt mir sehr am Herzen. Wenn ich sie praktiziere, spüre ich Maitreyas Gegenwart – nicht von außen, sondern von innen. Es gibt einen Moment in der Übung, in dem die Grenzen verschwinden. In dem ich eine Verbindung zu allen spüre – sogar zu denen, denen ich zum ersten Mal begegne. Das ist nicht die übliche soziale Nähe, sondern etwas Tieferes: die Erkenntnis, dass unser wahres Wesen identisch und strahlend ist.
Diese Verbindung entspringt der ultimativen Klarheit des Bewusstseins. Aus jener grenzenlosen, raumartigen Urnatur, die alle Möglichkeiten in sich trägt. Wo wir alle das sein können, was wir wirklich sind – ohne Rollen, ohne Vorstellungen, ohne die aufgeschichteten Schichten.
Maitreya verkörpert diesen Zustand: die liebevolle Güte, die nicht aus Anstrengung entsteht, sondern daraus, dass wir einander so sehen und gleichzeitig so akzeptieren, wie wir sind.
Maitreya zu feiern bedeutet für mich vielleicht, ein wenig wacher zu sein. Dass das Licht, das jeden Morgen zurückkehrt, nicht nur einfach über mich hereinbricht – sondern dass ich es wahrnehme. Dass ich daran teilhabe. Und ihr auch.
VI. Schlusswort
Die Nacht ist nun am tiefsten – und die Wende hat bereits stattgefunden.
Das Licht kehrt zurück, denn es ist nie verschwunden. Maitreya reift in uns, wie der Samen in der winterlichen Erde. Unter dem harten, gefrorenen Boden bereitet sich etwas vor, etwas sammelt seine Kräfte, etwas wartet auf den Moment.
Das Fest ist kein Abschluss, sondern ein Anfang. Was wir nun gemeinsam in der Zeremonie vollziehen, ist keine Gedenkzeremonie – es ist die Gestaltung der Zukunft. Jedes unserer Mantras, jede unserer Opfergaben nährt die Kraft der Maitri. Wir tun es gemeinsam, wir alle.
Lama Govinda schrieb:
Der spirituelle Weg ist keine Flucht aus der Welt, sondern die Entdeckung der tieferen Realität der Welt.
Die Kerze, die wir gleich anzünden, schafft kein Licht – sie macht nur sichtbar, was schon immer da war. Lasst uns solche Kerzen füreinander und für die Welt sein.










