Das zentrale Motiv des buddhistischen Weges ist jener innere Moment, in dem wir aus den Träumen unserer Illusionen zur Wirklichkeit erwachen. Diese sich ihrer selbst bewusst werdende Klarheit nennen wir im Sanskrit „Bodhichitta“, also das Erwachensbewusstsein, den Geist des Erwachens.
„Bodhi“ bedeutet Erwachen, Wachsamkeit, und „Chitta“ bedeutet Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist jedoch nicht mit dem Verstand gleichzusetzen. Chitta ist nicht der Bereich des Grübelns, der Theorien und Ansichten, sondern – wie die Tradition ebenfalls andeutet – dieses „Herzbewusstsein“.
Der Fuchs aus Exupérys „Der kleine Prinz“ sagt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das ist das Geheimnis des Fuchses. Und das ist auch das Geheimnis der Erleuchtung.
Mit dem Herzen zu sehen bedeutet vielleicht, nicht durch den Filter von Meinungen, Ansichten und Philosophien zu blicken, sondern so, wie die Dinge tatsächlich sind. In ihrer ganzen Fülle, organisch.
Mit wissenschaftlicher Präzision? Nein, denn die Wissenschaft zerlegt die Dinge in ihre Bestandteile und zerlegt diese wiederum weiter. Sie sucht nach dem Wesen der Dinge, zerlegt sie dabei aber auch und tötet sie damit. „Das hier ist das Blütenblatt, das da ist das Mitochondrium und das Zellplasma…“, doch dabei verschwindet die Blume als Ganzes. Es bleiben nur winzige Mosaiksteine übrig, aus denen sich die Blume jedoch unmöglich wieder zusammensetzen lässt.
Das Herzbewusstsein sieht das Ganze. Es bewertet nicht, es etikettiert nicht.
Das Herzbewusstsein ist jene Klarheit, die in uns allen vorhanden ist. Mehr noch, sie unterscheidet sich nicht von Person zu Person. Man könnte sagen, dass dieselbe Klarheit aus mir herausschaut, wie die, die auch in dir nach außen leuchtet und aus dir heraus auf mich blickt. Wir schauen einander in die Augen, und die Klarheit der Erkenntnis betrachtet sich selbst durch unsere Augen in einander.
Ein christlicher Mystiker schrieb, dass das Auge, das Gott sucht, Gott selbst ist.
Dies hat keine individuellen Merkmale, keine Persönlichkeit, keine Individualität. Es ist reine Klarheit. Diese Klarheit kann sich jedoch nur durch das Individuum, durch das Persönliche offenbaren, weshalb sie eine besondere Form annimmt, zu einem Individuum wird. Diese Individualität verliert sich dann in ihrem eigenen einzigartigen Wesen, wird zum Ego, ihr freier, fließender Charakter stockt, erstarrt. Diesen erstarrten Zustand können wir als Ego bezeichnen.
So wie Eis zerbrechlich ist und leicht zerbricht, so wird auch dieses Ego verletzt, da es sich dem unerbittlichen Gesetz der Veränderung widersetzt und in diesem Moment leidet. Das Leiden wiederum spornt es an, Lösungen zu finden, wie es dies auslöschen könnte, und schließlich beginnt es eine spirituelle Suche, durch die es in der Wärme von Liebe und Mitgefühl auftaut. Dann erkennt es seine eigene fließende, wasserähnliche (siehe „Wasser des Lebens“) Beschaffenheit, seine Freiheit, und das Leiden schmilzt zusammen mit dieser Erstarrung dahin.
In tantrischen Übungen stellen wir uns die Buddhas und Bodhisattvas oft im Himmel, oben vor uns, vor. Wir laden sie ein, weil wir das Gefühl haben, dass die von ihnen verkörperte Weisheit, Liebe, Mitgefühl und Klarheit für uns noch (oder schon) nicht erreichbar ist, sie dies aber verwirklicht haben.
Interessanterweise erzählt der Buddha in einer seiner Lehrreden (Aggañña Sutta – Das Wissen über den Ursprung – DN 27 / D III 80 –https://a-buddha-ujja.hu/dn-27/hu/tecsi-judit), dass die Wesen ursprünglich aus Licht bestanden und von innen leuchteten. Dann setzte ein Verfallsprozess ein, dessen Folge war, dass das Licht von innen nach außen wanderte. Das heißt, die Wesen entfremdeten sich von ihrem eigenen inneren Licht. Und da erschienen die Sonne und der Mond am Himmel. Das Licht, die Quelle des Lichts, wanderte nach außen.
In den tantrischen Praktiken ruft der Praktizierende die Buddhas vor sich her, macht sozusagen jene Helligkeit sichtbar, die er selbst nicht mehr erfahren kann, und manifestiert sie in der Gestalt der Buddhas, um mit ihr in Verbindung zu treten. Es beginnt ein Prozess, in dem diese Helligkeit langsam zurückkehrt und sich in das Wesen integriert. Die Texte formulieren dies so, dass der jeweilige Buddha „zu Klarheit verschmilzt und sich vollständig in mir auflöst“. Er senkt sich durch den mittleren Energiekanal (Sanskrit: Susumna oder Avaduti Nadi) und nimmt seinen Platz in unserem Herzen ein. Das Licht kehrt dorthin zurück, wo es schon immer war und von wo es eigentlich nie gewichen ist, das wir aber aufgrund unserer eigenen Erwartungen, Urteile, Grübeleien und anderer Bewusstseinsverunreinigungen in uns selbst nicht mehr gesehen haben.
Dann strahlt es von dort, aus dem Herzen, in unseren Körper und unsere Welt hinein, und wir entdecken, dass dasselbe Licht aus den Augen der anderen leuchtet. Wir sehen das Licht im anderen wie in einer Art Spiegel. Das Licht erwacht zu sich selbst, blickt aus den Augen des anderen auf sich selbst zurück.
Dann erkennen wir, dass die individuellen Unterschiede, die uns voneinander unterscheiden, und jedes einzelne Phänomen und jedes einzelne Wesen nichts anderes sind als die Verzierungen jenes Strahlens, das universell, vollkommen und unvergänglich ist. Wir erkennen, dass hinter der Verschiedenheit die wesentliche Identität aller Dinge steht und dass sich diese Identität gerade durch die Individualität offenbaren kann. Das Universelle im Individuellen; das Unendliche im Endlichen; das Zeitlose im Vergänglichen.
Dann fließen Liebe und Mitgefühl ganz natürlich von Herz zu Herz.










